Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Hast Du Fragen oder Tipps zur Pflege von Ascleps, wie z.B. Standort, Licht, Gießen, Düngen, Substrat, Überwinterung? Dann bist Du hier genau richtig.
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carallümchen
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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon carallümchen » 20. November 2011, 17:26

Hi Volker,
ich bin beim Lesen Deiner Zeilen ganz zappelig geworden und muss da leider in einer Sache widersprechen.

Diese Pflanzen aus Extremstandorten muss man sicher genauer betrachten. Wenn die nur an diesen Standorten vorkämen, dann wäre das ja eine durch Evolution herausgebildete Überlebensstrategie, mit der sie an diesen Standorten das herausholbare Optimum (oder nahe dran) erreichen. Kommt die gleiche Art aber auch an weniger extremen Standorten vor, dann sind diese Exemplare eben das Extrem, bis zu dem die Standortanpassung vorgedrungen ist, -mehr geht nicht. Wir kultivieren sie dann zu Hause natürlich unter anderen Bedingungen und zeigen damit, welches Potential in der Pflanze steckt, wenn sie nicht bis an die Grenzen getresst ist.


Die Ergebnisse der gesamten Freilandökologie weisen nicht darauf hin, dass Pflanzen an ihren natürlichen Standorten das herausholbare Optimum erzielen. Meist ist sogar das physiologische Optimum weit entfernt von den tatsächlich noch gerade tolerierten Bedingungen am Standort, weil ein ganz wichtiges evolutives Element diese physiologischen Grundsätze massiv überprägt - die Konkurrenz keimender Pflanzen um Licht, Wasser, durchwurzelbaren Boden und Nährstoffe, später auch um Bestäuber.
Ganz überspitzt gesprochen und mit dem Bewusstsein, dass es sicherlich zahlreiche Ausnahmen gibt, sind Pflanzen, die auf Extremstandorten stehen ganz konkurrenzschwach gewesen und mussten auf diese Standorte ausweichen bzw. blieben nur auf diesen Standorten am leben. Dabei ist es nicht wichtig, ob sie in irgend einer Form ihr physiologisches Optimum haben, sie dürfen einfach nicht absterben, bevor sie sich vermehrt haben, ob als Hungerexemplar oder als Mastschweinchen ist völlig egal. Der Überlebenskampf gerade der Pflanzen am Standort, die ja mangels Bewegungsmöglichkeit in der Erde verharren müssen, ist wesentlich härter, als wir es uns so denken.
Insofern ist also die Verbreitung einer Art neben den maximalen und minimalen physiologischen Möglichkeiten insbesondere von Konkurrenzsituationen am Standort abhängig. Mit einem physiologischen Optimum hat das meiner Ansicht nach wenig zu tun.

Huernia plowesii steht bei mir in 4 kleinen Töpfen direkt zusammen - da ich viereckige Töpfe habe, sieht es nach einer Weile aus wie eine Pflanze. Ich hab mit diesem Kerlchen aber das Problem, dass diese Art gerne nach 2-3 Jahren auf nur 1-2 Töpfe zusammenschrumpft. Daher war's bisher nix mit einem Rasen.
Grundsätzlich gieße ich Orbea, Caralluma, Huernia und Stapelia gleich (1-2mal wöchentlich - wenn es ganz heiß ist auch 3mal), nur die Hoodias und Larryleachias werden im Herbst und Winter schwächer bis nicht mehr gegossen.

Grüße Carallümchen
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WoBo
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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon WoBo » 20. November 2011, 18:44

Die nachfolgenden Gedanken hatte ich vor Carallümchens Antwort begonnen, aber dann war ein längeres Telefonat "dazwischen" gekommen. Ich spare mir die Überarbeitung, auch wenn's da jetzt ein paar inhaltliche Überschneidungen gibt.

Die Sache mit den Standortbedingungen ist wirklich Anlass für philosophische Fragen: Jede Art hat ihr eigenes Spektrum an Bedingungen (Licht, Wasser, Nährstoffe, Temperatur usw.), unter denen sie leben kann; mal recht breit gefächert, mal sehr eng. Anthropozentrisch formuliert: Der eine besteht auf Chateaudunoefdudingenskirchen, dem anderen reicht "rot oder weiß" ...
Seine Wünsche muss man sich aber auch leisten können, daher kommt dann noch die Kardinalfrage hinzu: Wie gut kann sich eine Art gegenüber anderen, die gerne den gleichen Standort hätten, durchsetzen? Da gibt's sehr dominante, konkurrenzfähige Arten, d.h. Pflanzen, die sich "einfach" die Standorte erobern, an denen sie ihre optimalen Bedingungen finden. Beispiele hierfür sind z.B. einige invasive Neophyten wie japanischer Knöterich oder Himalaya-Springkraut, die sich an geeigneten Standorten bei uns so flächendeckend breit machen, dass dort für anderes Grün kein Platz mehr bleibt. Wer solche Vertreter kultivieren möchte, braucht sich nicht ganz so lange Gedanken über die Pflege zu machen.
Die meisten KuaS gehören allerdings zu den eher konkurrenzschwachen Arten. Ihre Überlebensstrategie besteht darin, dass sie gegenüber Hitze und (zeitweiligem) Wassermangel toleranter sind als der größte Teil der restlichen Botanik und somit auf trockenere Standorte ausweichen können, auf denen die Konkurrenz überschaubar ist. Sie existieren an ihren Standorten somit oft unter für sie grenzwertigen Bedingungen - die Plätze, die ihnen andere, konkurrenzfähigere Arten "übrig gelassen" haben.
Für die Kultur bei uns heißt das: Jeder muss entscheiden, ob er seine Pflanzen lieber unter standortähnlichen ODER eher unter optimalen Bedingungen halten möchte. In den Monokulturen unserer Sammlungen entfällt der Faktor "Konkurrenz", also Verdrängen durch andere, wüchsigere Pflanzen, ja weitestgehend. Die Entscheidung hängt also davon ab, worauf ich bei meinen Pflanzen besonderen Wert lege: "Uriges", importähnliches Aussehen hat oft etwas mit dem Durchmachen harter Zeiten zu tun - das wird also im Allgemeinen eher zu erreichen sein, wenn ich meine Pflanzen leiden lasse. Wenn ich mehr Wert auf Blüten und gesunde Pflanzen lege, sollte ich mich stärker nach den eigentlichen Bedürfnissen der Pflanzen richten, und das heißt sicherlich mehr Dünger + Wasser, als nach althergebrachten Regeln üblich ist.

Ähnlich ist es übrigens beim Thema Freilandkultur: Es gibt erstaunlich viele KuaS, die winter- oder zumindest frosthart sind. Darunter sind aber doch recht viele Fälle, die das zwar irgend wie überleben, aber die schöneren Exemplare bekomme ich oft, wenn ich bei der Kultur nicht ganz an die Grenzen des Zumutbaren gehe.

Wolfgang

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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon carallümchen » 25. November 2011, 17:57

Hallo WoBo - Deinen Ausführungen kann ich nur voll zustimmen! Bei den Ascleps ziehe ich schnelleres Wachtums vor - die Pflanzen wachsen so ihren Infektionen einfach davon.

HuHu, ich habe jetzt aber noch ein ganz gemeines Anliegen: Ich setze mich für das Fugen-S ein - also wie in Schadensersatz, Arbeitsrecht oder Heizungsanlage. Ein Fugen-S wird im Deutschen normalerweise dann in ein kombiniertes Wort eingefügt, wenn das vorgelagerte Wort komplex ist. Hofhund hat keins, aber Lieblingsspeise hat eins.
Seit Prof. Walter in den 1930er Jahren die "Standortslehre" begründet hat, ist das Fachwort um alles, was mit Pflanzen und Standort zu tun hat ein Fugen-S-tragendes. Da ich bereits mit Duden-liebenden Behördenvertretern und div. Autoren in meiner Zeit als Lektorin zu tun hatte, ist es fast mein Steckenpferd geworden, auf die Fachwörter "Standortslehre", Standortsbedingungen, Standortsfaktoren etc. hinzuweisen. Gebetsmühlenhaft kommt dann immer ein "Aber das steht doch nicht im Duden". Nun gut, Fachworte stehen eben nicht alle im Duden - und die Standort-Fachworte ohne Fugen-S, die im Duden stehen, sind juristisch und militärisch - aber eben nicht biologisch. Und alle Professoren, die ihren Studenten ständig erzählen, das S käme hier nicht rein - nun, die irren sich einfach!
Ich liebe das Fugen-S.

Grüße Carallümchen
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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon WoBo » 25. November 2011, 21:18

Nachdem ich gerade etwas hoch Botanisch-Nomenklatorisches zu Bildschirm gebracht habe (siehe "unbekannt"), nun also etwas off-topices ...
Das S-Thema hatten wir lustiger Weise vor nicht all zu langer Zeit im Betrieb: Einer unserer Werksleiter sieht sich nämlich als Werkleiter und streicht alle Fugen-S' (Fugen-Esse?, Fugen-Ss??, Fugen-S'se???), also jedes Fugen-S, das ihm in die Quere kommt. Ich war natürlich zum wiederholten Male nicht seiner Meinung, konnte das aber nicht begründen - auch das nichts Neues: Ich habe in der Schule oft genug die beste Deutscharbeit abgeliefert, konnte dann aber die entsprechenden Grammatikregeln zur Verzweiflung meines Deutschlehrers nie erklären ...
Rechtschreibung ist bei mir weit gehend Gefühls(!)-/Gewohnheits(!)sache, also durch das gelesene Schriftbild geprägt. Entweder sieht's für mich "richtig" aus, oder eben nicht. Dadurch gehöre ich ja auch zu den stärkst getroffenen Rechtschreib(s?)reformopfern, weil mir da ja mein reichhaltiger Erfahrungs(!)schatz zu einem guten Teil entwertet und nicht durch logische = leicht erlernbare Regeln ersetzt worden ist ;-)

Ich werde Deinen Antrag wohlwollend prüfen, aber Standortsbedingungen lösen bei mir derzeit noch ein etwas fremdes Gefühl aus ...

Gruß
Wolfgang

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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon Hoyningen » 26. November 2011, 11:11

Hallo Friederike,

ich kann mich WoBo nur anschließen. Die Tatsache, dass ein Prof. Walter bereits um 1930 den Terminus Standortslehre geprägt hat, bescheinigt diesem Wort noch nicht Regelgerechtigkeit. Er könnte mit seiner Wortschöpfung ja schon damals falsch gelegen haben. Auch ein akademischer Titel schützt nicht vor Fehlern und eine jahrzehntelange Fortsetzung des (möglichen) Fehlers macht diesen nicht richtiger.

carallümchen hat geschrieben:Ein Fugen-S wird im Deutschen normalerweise dann in ein kombiniertes Wort eingefügt, wenn das vorgelagerte Wort komplex ist. Hofhund hat keins, aber Lieblingsspeise hat eins.


Ich habe diese Regel (wenn es denn eine ist! Denn Regeln sind [bis auf die Ausnahmen :twisted: ]immer einzuhalten und nicht nur "normalerweise") nicht nachgeschaut. Was an Liebling komplex ist, entzieht sich mir auch. Zweisilbigkeit? Ich habe aber den Eindruck, dass Dein geliebtes Fugen-S eingesetzt wird, um den Sprachfluss zu erleichtern, weil das S als Zischlaut ein Konsonant mit zeitlichem Verlauf ist. Ein S dazwischen zu setzen, erlaubt also dem Mund, sich auf einen anderen Konsonaten, insbesondere auf einen kurzzeitigen, wie t,k,p etc. umzustellen. Deshalb findet man das S immer dann, wenn der erste Teil des Wortes mit einem dieser scharfen Konsonanten (da gibt es einen Fachbegriff, aber ich kenne ihn nicht) aufhört und der zweite Teil mit einem anderen solchen anfängt? Nein, auch nicht: Sonntagsbraten! Guten Appetit!

Vielleicht entwickelte sich das S aus einem Genitiv? Das ist ja im Süddeutschen eine verbreitete Sache auch bei Personennamen: Der Müllers Hans. These also, dass das Fugen-S eine ursprünglich süddeutsche Erfindung ist.

Mal davon abgesehen schert sich Sprache um sowas einen feuchten Kehrricht. Sie entwickelt sich weiter und wir hinken mit unseren Regeln hinterher und versuchen sie wieder einzufangen. Die Angelsachsen sind da entspannter. Im Oxford Dictionary stehen englische und amerikanische Ausdrücke und Schreibweisen friedlich nebeneinander.
Schöne Grüße

Volker

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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon carallümchen » 28. November 2011, 16:50

Jau Volker - dann stimmt Standortskunde ja rein regelhaft (auch beim Genitiv - die Lehre des Standorts) und der Nutzung als Fachwort steht damit nichts im Wege. Entschuldige, dass ich nochmal darauf hinweisen muss, dass ein Fachwort nicht immer Lateinchinesisch sein muss, sondern die Entwicklung einer Fachlehre der Botanik und Ökologie vor 80 Jahren ein Fachwort geboren hat, was durchaus aus zwei deutschen Worten bestehen durfte. Übrigens - nur das Amtsdeutsch und die Juristen kennen kein Fugen-S - komisch aber dass die Bezeichnung "Amtsdeutsch" eines aufweist. In diesem Sinne - nutzt, was ihr wollt - nur verknotet eure Zungen nicht bei so vielen harten Konsonanten.
Grüße Carallümchen
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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon Hoyningen » 29. November 2011, 10:42

carallümchen hat geschrieben:die Juristen kennen kein Fugen-S


Bist Du da so sicher? Ein kurzer Blick ins BGB (http://www.gesetze-im-internet.de/bunde ... gesamt.pdf) zeigt z. B. gleich folgende Begriffe:

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Rechts- und Verwaltungsvorschriften
Geschäftsfähigkeit
Willenserklärung
Sicherheitsleistung
Vertragsstrafe

Und aus den uns besonders interessierenden Vereinsrecht:
Vereinssatzung
Vertretungsmacht
Geschäftsführung
Amtsgericht

Oder habe ich da was falsch verstanden?
Schöne Grüße

Volker

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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon carallümchen » 30. November 2011, 18:19

Aber im Amtsdeutsch: Vermögensteuer, Ertragsteuer, Dreiecktuch, Verbandkasten, Standortwahl, Vorhabenträger...
Ich höre auf, bevor die Diskussion ausufert - und fasse schonmal im Hirn unsere Thesen mit allen Wenns und Abers zusammen... das fehlt nämlich auch noch - bis später Carallümchen
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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon Hoyningen » 1. Dezember 2011, 12:00

Ja, ja, wir kommen von Thema ab. Es hat mich halt gejuckt, darauf einzugehen, aber jetzt soll es gut sein! Aber Du hast damit angefangen!

carallümchen hat geschrieben:ich bin beim Lesen Deiner Zeilen ganz zappelig geworden


Oh je! Wie außerordentlich bedenklich!

carallümchen hat geschrieben:Die Ergebnisse der gesamten Freilandökologie weisen nicht darauf hin, dass Pflanzen an ihren natürlichen Standorten das herausholbare Optimum erzielen.


Das hat mich nun wirklich total verblüfft, denn ich war bisher immer davon ausgegangen, dass solche Pflanzen an ihren Standsort nahezu optimal angepasst sind. Ich weiß natürlich, dass man eine bestimmte Art meist an einer Bandbreite von Standsorten findet, von denen manche gut geeignet sind und andere weniger. Dazu muss ich auch nicht nach Namibia gehen, das finde ich schon bei Vincetoxicum hirundinaria hier in Unterfranken.

Wenn sich aber eine Art an einen extremen Standsort angepasst hat, dann mag das ja in der Vergangenheit daran gelegen haben, dass Sie unter Druck von anderen Arten gestanden hat und ihr nur dieser Standsort übrig geblieben ist. Nach diesem notgedrungenen Ausweichen an einen extremen Standsort selektieren sich doch aber diejenigen Exemplare heraus, die damit am besten zurecht kommen, oder? An ihrem neuen Standsort sind sie anderen Arten, die das auch versuchen, überlegen und lassen sie nicht mehr hochkommen. Sie sind jetzt die Konkurrenzsstarken.

Dass sie dabei nicht das physiologische Optimum erreichen, erscheint mir sinnvoll. Eine Art, die ein sehr enges und damit hochangepasstes Optimum hat, ist ja stark ausrottungsgefährdet. Denn verschieben sich die Bedingungen nur ein bisschen, ist sie weg vom Fenster. Ich kann mir vorstellen, dass viele Arten, die zur Zeit vom Aussterben bedroht sind, irgendwo so eine Eigenschaft haben. Anpassungsfähig bedeutet da gerade das Gegenteil. Dazu kommt womöglich, dass Pflanzen an Extremstandsorten diese aus evolutiver Sicht erst vor Kurzem erobert haben und noch im Prozess der Anpassung sind, das heißt, bei äußerster Anspannung ihrer Systeme können sie an diesem Standsort bereits überleben (und arbeiten dabei weit vom Optimum entfernt), die Selektion wird aber dafür sorgen, dass eine weitere Optimierung an die Standsortsbedingungen stattfindet. Unsere Betrachtung wäre eine Momentaufnahme eines laufenden Prozesses.
Schöne Grüße

Volker

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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon WoBo » 1. Dezember 2011, 20:18

Nach diesem notgedrungenen Ausweichen an einen extremen Standsort selektieren sich doch aber diejenigen Exemplare heraus, die damit am besten zurecht kommen, oder?
So weit, so richtig.
An ihrem neuen Standsort sind sie anderen Arten, die das auch versuchen, überlegen und lassen sie nicht mehr hochkommen. Sie sind jetzt die Konkurrenzsstarken ... die Selektion wird aber dafür sorgen, dass eine weitere Optimierung an die Standsortsbedingungen stattfindet
Auch noch richtig, so weit es sich auf die extremen Bedingungen bezieht.
Es wäre allerdings ein Fehlschluss, dass diese Optimierung "automatisch" im Laufe der Evolution dazu führt, dass sich diese Extrembedingungen zum neuen Optimum dieser Arten entwickeln. In erster Linie scheint sich die Toleranz gegenüber diesen Faktoren zu verbessern - daher die von Carallümchen zitierten Ergebnisse aus der Freilandökologie. Konkretes Beispiel, ebenfalls etwas heimatnäher als die meisten Sukkulenten: An den Meeresküsten gibt es zahlreiche Pflanzen, die man nur an diesen salzigen Standorten (Salzwiesen, Dünen, Marschen usw.) findet, die so genannten Halophyten. Unter den einheimischen Arten gibt es aber m.W. nur eine einzige Art - den Queller -, die auf salzfreiem Boden schlechter wächst als mit einem (geringen) Salzgehalt.

Also viele unfreiwillige Exilanten und nur ein echter Masochist ...

Gruß
Wolfgang

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Carallümchens Thesen für die erfolgreiche Sukkulentenpflege

Beitragvon carallümchen » 4. Dezember 2011, 17:25

Carallümchens ketzerische Thesen für die erfolgreiche Sukkulentenpflege
(unter Mitverwendung von Kommentaren, Thesen und Meinungen von Nobby, Sabel, WoBo, Hoyningen, Andreas, Regenbogen 21)



Düngen
1. regelmäßig reichlich düngen – bei jedem Gießen in der Wachstumsphase
Auch mal mit reichlich Stickstoff. Verwenden ganz „normaler“ Düngermengen auch für Sukkulenten. Gut geeignet sind für den Kleinsammler die so genannten „Blühdünger“, also auch die klassischen „Geraniendünger“. Für Vielsammler: Richtig gut wirkt auch Wuxal Super. Bei der Verwendung von Humussubstraten/-mischungen kann, wenn regelmäßig umgetopft wird, auch nur mit halber Menge gedüngt werden, da der Humus (oder auch Blumenerde genannt) Dünger enthält.

2. Düngezeit ist März bis November
Eine Düngepause ab August ist nicht notwendig - die Triebe müssen nicht "Ausreifen". Dies ist nur eine erzwungene Wachstumsverlangsamung, die die Pflanzen nicht brauchen.

Wässern
1. regelmäßig in der Wachstumsphase gießen
Gießen, sowie das Pflanzsubstrat trocken ist (das kann am Fensterbrett Richtung Süden auch täglich sein)

2. Sukkulenten auch im Winter regelmäßig gießen
Aber seltener als im Sommer; insbesondere in Schönwetterphasen (Gießpause 6-8 Wochen, mehr nicht)

3. Gezielt wässern, nicht beregnen lassen
D.h. Pflanzen vor Regen schützen, aber regelmäßig kontrolliert gießen

4. Gießen ist substratabhängig
Wer selten gießt, braucht Substanzen, die das Wasser halten und wer viel gießt, der benötig ein durchlässigeres Substrat.

5. Versuch’s mal mit Hydrokultur
Das klappt gut z.B. mit Hoyas.

Pflanzsubstrat
1. Das Substrat hat untergeordnete Bedeutung
Hauptsache, man kommt als Sammler damit zurecht. Es sollte allerdings nicht zu basisch und nicht zu sauer sein. Hier muss jeder herausfinden, was für ihn selbst das Beste ist – und das ändert sich nach meiner Erfahrung nach ein paar Jahren ohnehin. Beim Substrat habe ich noch immer eine große Experimentierlust. Geschadet hat’s den Pflanzen bisher nicht. Daraus folgt These 2.

2. Die Erdmischung muss zum Gießverhalten des Pflegers passen.
Dicht gelagerte Substanzen, die das Wasser halten, werden seltener gewässert; Durchlässigeres, auch oft gröberes Substrat braucht häufiger Wasser (und Dünger).

3. Im Zweifelsfalle rein mineralische Substrate bevorzugen.
Diese haben den Vorteil, dass sich Schadpilze und bakterien nicht gleich zu Anfang so stark vermehren können. Das hilft beim Aufpeppeln geschwächter Neulinge.
Rein mineralische, locker Substrate lassen sich beim (trockenen) Umtopfen einfach abschütteln, faulige Wurzeln sind so sofort sichtbar und können entfernt werden (wichtig für Ascleps!)


4. Auch Hoya, Ceropegia und Co. wachsen gut in rein mineralischem Substrat.

Topfgröße
1. Große Töpfe nur verwenden, wenn die Durchwurzelung durch die Pflanze erreicht werden kann.
Sonst schlürft die Pflanze nur kleine Bereiche leer, alles andere bleibt feucht – ein Eldorado für Bakterien und Pilze.

2. Kleine Töpfe häufiger gießen.
Bis zu 3mal die Woche, auf dem Südfensterbrett auch mal täglich.

3. Kleine Töpfe sind vorteilhaft
Sie trocknen nach dem Gießen schnell aus. Weil sie keine anhaltende Feuchte zeigen, faulen die Wurzeln unserer Schwächlinge weniger. Lieber dreimal die Woche bis täglich gießen!


Licht und Schatten
1. Pflanzen dicht an dicht stellen, das beschattet die Töpfe und schützt vor „heißen Füßen“.
Viele Sukkulenten lieben Halbschatten oder zumindest einen Schutz vor der heißen Mittagssonne. Zumindest dürfen sich Pflanzenkörper und Wurzelraum nicht so aufheizen.

2. Pflanzen (Ascleps!) lieber im Halbschatten kultivieren
Gerade Jungpflanzen wachsen in voller Sonne viel schwächer und verlieren aufgrund der Hitze leicht die Wurzeln – in der Natur wachsen Jungpflanzen meist im Schutz größerer umgebender Pflanzen.


Ziel: Welches Pflanzenaussehen ist schön?
1. Jeder muss sich selbst entscheiden, ob er seine Pflanzen lieber unter standortsähnlichen Mangelbedingungen (Pflanzen leiden und wachsen schwach) oder eher unter optimalen Bedingungen halten möchte (Pflanzen wachsen maximal und sind prall).

2. Mehr Blüten und kräftige, gesunde Pflanzen erhält man, wenn man sich nach den eigentlichen Bedürfnissen der Pflanzen richtet. Und das heißt sicherlich viel mehr Dünger und Wasser, als nach althergebrachten Regeln üblich ist.

3. Auch am Standort sehen Pflanzen teils sehr fett und fast „getrieben“ aus. Wir wissen das nur meist nicht, weil kaum jemand in der Regenzeit nach Pflanzen sucht – das ist zu mühsam und manchmal auch unmöglich (keine Erreichbarkeit der Standorte).

Dies sind meine Thesen - formuliert und spezifiziert mit Eurer Hilfe. Es macht Spaß, auch kontrovers zu diskutieren - ob mit oder ohne Fugen-S.
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Re: Philosophisches zu althergebrachten Pflegehinweisen

Beitragvon Hoyningen » 4. Dezember 2011, 19:17

Bravo Friederike!

Deine tolle Zusammenfassung, der ich mich hemmungslos anschließe, hat sicher gute Chancen, eine der meistgelesensten Seiten dieses Forums zu werden!
Schöne Grüße

Volker


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